Mehr Grün, weniger AutosWie sich Deutschland besser gegen die Hitze wappnen könnte
Von Max Patzig
Weltweit gibt es viele Wege, starke Hitze zu vermeiden. Die meisten davon finden in Deutschland keine Anwendung, auch wenn sie effektiv zu sein scheinen. Ein Überblick.
Die Hitze hatte am Wochenende ganz Deutschland fest im Griff. Von Freitag bis Sonntag wurden täglich Temperaturrekorde aufgestellt, die über lange Jahre undenkbar waren. Am Sonntag wurden als absoluter Rekord 41,7 Grad in Brandenburg gemessen. Ab jetzt kühlt es wieder ab.
Doch das Problem ist damit nicht aus der Welt: Was jahrelang als "Jahrhundert-Hitzewelle" gegolten hätte, kommt nun immer öfter vor. Städte in Deutschland und Europa müssen sich darauf einstellen, dass sich dieses Extremwetter jederzeit wiederholen kann. Wie sie ihre Einwohner schützen können, zeigen erste Ansätze beispielsweise aus den USA, Kolumbien und dem Nahen Osten. Immerhin: Auch einige europäische Orte sind Musterbeispiele im Hitzeschutz.
Barcelona, Spanien
Die spanische Metropole Barcelona macht mit ihren "Klimaschutz-Superblocks" jeden Sommer Schlagzeilen. Die Stadtverwaltung hat damit nicht nur die Verkehrswende eingeleitet, sondern begegnet auch dem neuen, heißeren Klima effektiv. In mehreren europäischen Orten wird überlegt, wie sich dieses Prinzip adaptieren lässt.
Das Grundprinzip ist denkbar einfach: Autos dürfen nur noch auf Hauptstraßen zwischen den "Superblocks" fahren, außer sie sind Anwohner oder Lieferanten. Ein "Superblock" besteht aus mehreren etwa 400 mal 400 Meter großen Blocks, in denen sich typischerweise drei mal drei Wohnhäuser befinden. Zwischen den normalen Blocks verlaufen nun nur noch Anliegerstraßen, die jedoch teils umgewidmet wurden.
Viele ehemalige Straßen und Kreuzungen wurden von der Stadt begrünt. Auf Parkbänken können Spaziergänger in Ruhe Energie für den nächsten Marsch gewinnen. Spielplätze laden die Kleinsten ein, von den auf Katalanisch genannten Superilles zu profitieren. Nicht nur die Aufenthaltsqualität wird mit der Schaffung eines jeden Superblocks gesteigert, auch Belastungen durch Lärm und Hitze nahmen nachweislich ab.
Auf den verbliebenen Straßen dürfen Autofahrer nur noch 10 Kilometer pro Stunde schnell und nur in jeweils eine Richtung fahren - sofern sie eine Berechtigung dafür haben. Insgesamt sollen 503 Superblocks in der Hauptstadt Kataloniens entstehen. Fast zwei Drittel der bisher von Autos genutzten Straßen werden dadurch für andere Nutzungen frei.
Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Lebenserwartung der Bewohner Barcelonas durch die Superblocks um fast 200 Tage steigen soll, berichtet die Barcelona-Tourist-Information. Zudem sollen rund 300 frühzeitige Todesfälle pro Jahr vermieden werden.
New York City, USA
Auch am Big Apple begegnet die Verwaltung bereits seit einiger Zeit der enormen Hitze. "Cool Roofs" und "Cooling Centers" könnten dabei auch ein Ansatz für europäische Städte sein.
Mit "Cool Roofs" will die Stadt bis 2050 das Ziel der Klimaneutralität erreichen. Das Rathaus unterstützt Hausbesitzer, Dächer weiß zu beschichten. Die Stadtverwaltung übernimmt die Kosten dafür zum großen Teil oder sogar komplett, je nach Haustyp. Millionen Quadratmeter seien bereits mit einer besonderen Silikonfarbe geweißt worden. Das reduziert nicht nur die Temperatur auf den Dächern, sondern auch in den Wohnungen. Je rund 230 Quadratmeter geweißtes Dach reduzieren zudem den CO2-Fußabdruck um eine Tonne, erklärt das Rathaus. Auch erhöhe die Maßnahme die Luftqualität.
Die Stadt schrieb darüber hinaus fest, dass "Cooling Centers" ab einer Außentemperatur von 35 Grad für jedermann offenstehen. Das Angebot richtet sich vor allem an Menschen, die keine Klimaanlage zu Hause haben. Die Kühlzentren befinden sich beispielsweise in Bibliotheken, Gemeinde- und Seniorenzentren sowie Einrichtungen der Sozialwohnungsbehörde. Sie verhindern hitzebedingte Todesfälle und teure Krankenhausaufenthalte.
Los Angeles, USA
Ebenfalls in den Vereinigten Staaten wird versucht, Straßen so zu bearbeiten, dass Hitzestau vermieden wird. In Los Angeles nennt man das "Cool Pavements".
Vor einigen Jahren begann die Metropole damit, Straßen mit einer hellgrauen Farbe zu beschichten, die die Sonneneinstrahlung reflektiert. Das senkt die Oberflächentemperatur "um mehr als 5,5 Grad Celsius", teilt das Rathaus mit. Auch die Umgebungsluft kühlt spürbar ab. Nachts merken zudem die Menschen in Hollywood, wo die erste Straße entsprechend ausgestattet wurde, dass die Temperatur niedriger ist. Das liegt daran, dass dank der Beschichtung weniger Hitze im Asphalt gespeichert wird, die zuvor in den Nachtstunden abgegeben wurde.
Paris, Frankreich
Nachdem Frankreich im Jahr 2003 mit Tausenden Hitzetoten konfrontiert worden ist, reagierte die Hauptstadt Paris. Neue Grünpflanzen und Bäume wurden gepflanzt, Trinkbrunnen aufgestellt und ein Hitzeaktionsplan entwickelt. Inzwischen verbreiten auch Sprühnebelduschen frisches Wasser in Fußgängerzonen.
Zudem gibt es ein Netz an "kühlen Orten". Das können Schattenplätze in einem Park sein, aber auch klimatisierte Räume im Rathaus. Bei Hitze stehen sie den Bürgern der französischen Metropole offen. Insgesamt gibt es schon 1400 solcher Orte in Paris.
Medellín, Kolumbien
In Medellín hat die Verwaltung von 2016 bis 2019 "Grüne Korridore" erschaffen, um der Stadthitze Paroli zu bieten. Die kolumbianische Stadt hat in dem Zeitraum Dutzende und Hunderte Sträucher und Bäume entlang verkehrsreicher Straßen gepflanzt, um bestehende Grünflächen miteinander zu verbinden.
Die "Corredores Verdes" mindern nicht nur den städtischen Wärmeinseleffekt. Das bedeutet, dass die Stadt nun nicht mehr deutlich wärmer ist als umliegende Regionen. Die Korridore binden auch Luftschadstoffe sowie Kohlendioxid und fördern die städtische Artenvielfalt.
Im Rahmen der dreijährigen Initiative wurden mehr als 100 Einwohner zu Stadtgärtnern und Pflanztechnikern ausgebildet. Sie pflanzten rund 12.500 Bäume und Palmen in den mehr als 30 Korridoren, die sich über 65 Hektar erstrecken. Allein an einer der verkehrsreichsten Straßen der Stadt wurden rund 600 Palmen und Bäume sowie mehr als 90.000 kleinere Pflanzen gepflanzt.
Im gleichen Zeitraum wurden 80 Kilometer neue Radwege gebaut und bestehende Fuß- und Radwege attraktiver umgebaut. Dadurch stieg der Radverkehr in Medellín um 34 Prozent an, der Fußgängerverkehr in geringerem Ausmaß.
Singapur
Auch in Singapur setzt man auf viel Grün, allerdings nicht nur entlang von Straßen: Der Stadtstaat begrünt sogar die Fassaden von Häusern, errichtet vertikale Gärten an Hochhäusern und macht sich für Dachgärten stark. Das viele Grün, das in dem tropisch-feuchten Klima hervorragend wächst, spendet viel Schatten und reduziert die Aufheizung von Gebäuden deutlich.
Neue Viertel plant die Stadt bereits so, dass die Luft besser zirkulieren kann. Damit sollen Hitzeinseln vermieden werden. Helle Fassaden und Straßenbeläge sorgen zudem für geringere Wärmebindung. Ein ausgeklügeltes unterirdisches Rohrsystem versorgt Bürogebäude mit kaltem Wasser und macht Klimaanlagen praktisch überflüssig. Das soll Abwärme vermeiden, die die Stadt zusätzlich aufheizen würde, und Strom einsparen.
Naher und Mittlerer Osten
Im Iran, in Dubai, Katar und Bahrain sowie Ägypten waren die Menschen schon immer kreativ bei der Suche nach dem, was wir heute als Klimaanlage kennen. Sie haben damals - ab dem 9. bis 13. Jahrhundert - Windtürme errichtet, um Häuser zu klimatisieren.
Ein Windturm ist ein vertikaler Schacht, der über das Dach eines Gebäudes hinausragt und Wind einfängt, Luft nach unten ins Gebäude leitet und/oder warme Luft nach oben abführt. Das kühlt die Innenräume und sorgt zudem für einen gewissen Luftaustausch.
Die Windtürme bestehen aus vier, sechs oder acht Seiten. So können sie Wind aus verschiedenen Richtungen aufnehmen und zum Teil gleichzeitig Wärme abgeben. Innen liegen mehrere Schächte oder Holzbalken, die die frische Luft an die verschiedenen Wohnungen leiten. Je nach Region werden die Türme zum Windfang noch heute errichtet.
In den Regionen wurde früher überdies viel mit Lehm gebaut. Der Stoff eignet sich hervorragend, um nachts Kühle aus der Umgebung aufzunehmen und diese tagsüber an die Innenräume abzugeben.
Rotterdam, Niederlande
In Rotterdam setzt die Verwaltung auf eine wassersensible Stadtplanung, kühle Plätze und Dachbegrünung. Die drei Maßnahmen gehen quasi Hand in Hand und sorgen so auf effektive Weise für eine lebenswerte Stadt.
Die Stadt setzt sich aktiv dafür ein, dass Neubauten grüne Dächer erhalten. Das kühlt die darunter liegenden Wohnungen oder Büros ab und sorgt für ein angenehmeres Klima in der Umgebung. Darüber hinaus wird die Luftqualität insgesamt erhöht. Positiver Nebeneffekt: Pflanzen auf Dächer nehmen etwa 50 bis 90 Prozent des jährlichen Regenwassers auf.
In Trockenphasen dienen außerdem sogenannte Wassersquares als Sport- und Aufenthaltsfläche. Sie bieten beispielsweise Basketballplätze, Stufen zum Sitzen oder auch eine Bühne. Wenn es lange oder viel regnet, werden die Squares zu Rückhaltebecken. Das Wasser fließt erst dann in die Kanalisation ab, wenn es die Kapazitäten zulassen. Im Sommer bieten die Plätze Abkühlung. Manch ein Wassersquare ist bepflanzt, viele befinden sich im Schatten zwischen Häusern.